Interview mit Alexander Wetzig

Herr Wetzig, vielen lieben Dank, dass Sie sich die Zeit für uns nehmen. Unsere erste Frage zielt auf die Gegenwart unserer Stadt: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie zum ersten Mal unser Stadtzentrum besucht haben?

Mir schien, als hätte ich eine Zeitreise in die 50er Jahre unternommen - ich hatte den Eindruck von Stillstand. Dazu hatte ich nicht das Gefühl, mich im Zentrum einer Mittelstadt von deutlich über 20 000 Einwohnern zu befinden, sondern in einer beschaulichen ländlichen Kleinstadt. Eine urbane Atmosphäre hatte ich nicht entdeckt.

Welche städtebaulichen Veränderungen braucht es in Geretsried, damit sich unsere schnell gewachsene Stadt weiterhin dynamisch entwickeln kann?

Zunächst muss man wissen, was man will – wie sieht sich Geretsried jetzt und in der Zukunft. Es geht um Identität, die zukunftsfähig ist. Geretsried befindet sich im Großraum München und seiner Region in einer Lage, in der zudem Einflüsse von außen bewältigt werden müssen – ob sie einem gefallen oder nicht. Das heißt, Geretsried wird sich in Zukunft noch verstärkter mit Wachstumsfragen auseinandersetzen müssen, die sich – Stichwort S-Bahn Anbindung – jetzt schon am Horizont abzeichnen. In dieser Situation braucht es ein langfristiges strategisches Konzept, das eine geordnete, nachhaltige Stadtentwicklung sicherstellt. Dazu muss insbesondere auf eine konsequente Innenentwicklung mit intensiverer Ausnutzung von Grund und Boden gesetzt werden – wir können uns nicht ungehemmt weiter nach Außen in die wertvollen land- und forstwirtschaftlichen Flächen entwickeln: wir müssen dichter und wir müssen höher bauen.

…gerade die Punkte, die von einigen kritisch gesehen werden. Wie viel Höhe und Dichte braucht und verträgt unsere Stadt?

Höhe und Dichte in einer Stadt richten sich nicht unbedingt nach der Einwohnerzahl – das war mal vor langer historischer Zeit, wo solches Ausdruck der zu erzielenden Bodenrente war. Heute geht es im Rahmen einer nachhaltigen Stadtentwicklung um die Schonung der Ressource Boden und vor allem um eine städtebauliche Dichte, welche eine tragfähige Basis für eine qualitätsvolle städtische Infrastruktur, ob privat – Läden und Dienstleistung – oder öffentlich im Bereich der sozialen und Bildungsinfrastruktur, auch der öffentlichen Mobilität, sicherstellt. Wo zu wenig Menschen bezogen auf die Fläche wohnen, entwickelt sich kein Angebot und es hält sich auch nicht. Und auch in einem Stadtzentrum braucht es ausgeprägte Dichte, um zentrale Funktionen zu ermöglichen. Die erforderliche Höhe dazu ergibt sich aus dem konkreten städtebaulichen Konzept, dem Städtebauentwurf, der die Anforderungen eines Nutzungsprogrammes in Baukörper umsetzt.

Wie beurteilen Sie bei den geplanten Bauvorhaben im Zentrum die Konstellation aus Investoren, Politik/Verwaltung und Architekt?

Zuerst: Ich halte die jetzt vorgelegten Pläne für ein sehr qualitätsvolles Konzept, das Geretsried eine neue städtebauliche Mitte verschafft, die meiner Meinung nach dringend notwendig ist und die Stagnation aus der Vergangenheit überwindet. Die bisherige Mitte ist eine zu weite, zu weitläufige Situation, in der sich auch kein Zentrumsgefühl entwickelt, ganz abgesehen davon, dass es für moderne zentrale Handels- und Dienstleistungsfunktionen keinerlei räumliche Angebote einschließlich einer adäquaten Parkierung gibt.

Wie wichtig ist gerade hier eine enge Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Akteuren?

Die Geretsrieder Konstellation, in der Stadt – Politik und Verwaltung –, Grundeigentümer und Investor, sowie Planer/Architekt eng zusammenarbeiten, ist heute selbstverständliche Planungs- und Politikpraxis in den Städten. Erfolgreiche Stadtentwicklung geht nur über öffentlich-privates Projektmanagement in offener vertrauensvoller Zusammenarbeit und im gegenseitigen Respekt bei Wahrung der je spezifischen Interessen und Ziele. In Geretsried habe ich den Eindruck, dass diese Zusammenarbeit sehr gut funktioniert, ohne dass es zu Verhältnissen kommt, in denen versucht wird, sich gegenseitig „über den Tisch zu ziehen“ – Stadtentwicklung ist jedoch kein Fingerhakeln! Von daher sehe ich in Geretsried aktuell gute Voraussetzungen für eine positive weitere städtebauliche Entwicklung.