Interview mit Klaus Kehrbaum

Herr Kehrbaum, im Zuge der vom Stadtrat beschlossenen Zentrumsstärkung von Geretsried wird auch der Karl-Lederer-Platz umgestaltet. Was bedeutet dies aus stadtplanerischer Sicht für Sie?

Konsequent wird der Karl-Lederer-Platz zum Herzen der Stadt Geretsried entwickelt. Durch die einstimmige Entscheidung des Stadtrates, die Zentrumsstärkung in der sogenannten T-Zone zu entwickeln, wurde es notwendig, die Gebäudekubaturen und die Stadträume urban einzustellen. Der Städtebau der 50iger und 60iger Jahre in Geretsried war auf eine Siedlungsstruktur mit eingestreuten Nahversorgungs- und Dienstleistungseinheiten ausgelegt. Das damalige Konzept des Architekten Fritz Noppes hat diesen Leitgedanken konsequent umgesetzt.
Ein urbanes Zentrum bedeutet, klar definierte Stadträume in einer den Besuchern und Nutzern angemessenen Größe. Dazu ist es zwingend notwendig, auch die Höhenentwicklung der Gebäude und die Aussagen der Fassaden städtisch anzulegen.
Der wichtigste Platz in der Stadt muss zudem eine städtebauliche Dominante aufweisen, als Beispiele dienen hier etwa der Münsterplatz mit dem gotischen Münster in Ulm, oder der Muschelplatz in Siena mit dem Campanile. Entsprechend dieser sinnvollen städtebaulichen Vorgabe wurde es notwendig, auch am Karl-Lederer-Platz Korrekturen des Stadtraumes und die notwendige Mindesthöhenentwicklung auszudifferenzieren.

Wie sind Sie an diese anspruchsvolle Aufgabe herangegangen?

Zunächst wurde ein Gestaltungsbeirat einberufen, der aus Prof. Nerdinger, einem der besten Architekturkritiker und Berater für Nachkriegsarchitektur, sowie Herrn Alexander Wetzig, einem der besten Stadtplaner im Sinne der Nachverdichtung und der Schaffung von stadträumlichen Qualitäten, bestand. Mit diesem Gestaltungsbeirat wurde sehr intensiv in Besprechungen, Stadtratsworkshops und Beratungsvorgaben die Architektur von Puls G und BGZ Ost vorangetrieben. Derzeit befassen wir uns mit der Entwicklung des Öffentlichen Raums.

Was hat Sie zur Architektur / zur Gestaltung von Puls G inspiriert?

Jedes Gebäude, das eine Stadt räumlich prägen soll, muss eine Leitidee haben. Bei Puls G wurde das Thema „Wie hätte ein herausragender Architekt der 50iger/60iger Jahre ein Gebäude in Geretsried ausformuliert“ zu unserem Leitmotiv.
Der bekannteste bayerische Architekt der damaligen Zeit war Sep Ruf. Der Kanzlerpavillon in Bonn und die Maxburg in München, die zu seinen bekanntesten Bauten gehören, zeigen öffentlich die Architektursprache der damaligen Zeit: eine klare Architekturform mit leichten Tragelementen, schweren Sockelausbildungen, luftigen Zwischenetagen oder Fugen sowie gebänderten Obergeschossen.
Dieser Leitidee folgend wurde deshalb Puls G mit einem Sockelgeschoss für den Handel, einer öffentlich zugänglichen Etage für Büro und Dienstleistung im ersten Obergeschoss, einer gläsernen Fuge und den darauf schwebenden Wohngeschossen entworfen.

Wie haben Sie diesen Ansatz in die heutige Zeit / in das 21. Jahrhundert versetzt?

Die Vorgabe des Entwurfsansatzes war es, die damalige Zeit nicht zu kopieren, sondern mit zeitgerechten Farben, Oberflächen und Materialien zukunftsgerecht zu planen. Deshalb wurde die aus der damaligen Zeit übernommene Loggiaband-Architektur der Obergeschosse in eine Loggiabalkon-Architektur weiterentwickelt. Mit so genannten Softedgekanten wird sogar ein modisches Element des derzeitigen Architekturtrends als Statement der Realisierung in den Jahren 2017 – 2020 in den Gestaltungskanon aufgenommen.
Die helle und freundliche, mit horizontalem Kratzputz eingestellte Fassade der Wohngeschosse wird über leichte runde Stahlstützen optisch über die Glasfuge im ersten Geschoss auf das Sockelgeschoss ausgelastet. Das Sockelgeschoss hingegen ist dem urbanen Raum der Stadt zugeordnet. Es wird angedacht, den Bereich des Shared Space auf dem Rathausplatz, dem Karl-Lederer-Platz und dem neuen Platz in der Egerlandstraße mit großflächigen Natur- oder Kunststeinplatten gerecht zu werden. Die Treppenanlage in die Bel Etage von Puls G und sogar die Fassade des Sockelgeschosses könnten im gleichen Material ausgeführt werden.

Das Gebäude Puls G wird ja einen sehr zentralen Standort innerhalb von Geretsried haben. Wie wird sich die Außengestaltung von Puls G in das Stadtbild einfügen?

Die Gebäudehülle als Ganzes muss der dominanten Kubatur ein anspruchsvolles Äußeres geben. Deshalb wird der Putz mit einer Einstreuung für Lichtbrechung vorgeschlagen. Naturbelassen und in Würde alternd kann der Putz so ähnlich Naturstein seine Qualität entfalten. Die zurückliegenden Loggiawände, die Fensteranlagen und Panelteile werden dagegen in einer anspruchsvollen Farbnuance aus bronzefarbenen Panelen angedacht. Diese edle Ausstrahlung schafft ein selbstbewusstes Gegenüber zum historischen bayerischen Rathaus.

Wir wird sich das Innere des Gebäudes präsentieren?

Im Inneren soll das Gebäude einschließlich der Zentralgarage robust, einfach und nach dem Motto „Less is More“ ausgestattet werden. Sichtbeton in rauer Optik kann in der Garage an den Wänden, Stützen und der Decke, aber auch in den Treppenhäusern, an Wänden und Decke der anderen Stockwerke ausgeführt werden. Treppenbrüstungen, Aufzüge und der prägende Fußweg in der Zentralgarage sollen dagegen edel ebenfalls in Bronzeoptik entwickelt werden. Der Bodenbelag ist in hellem eingefärbten Gussasphalt mit verschiedenen Oberflächen von naturbelassen über leicht angeschliffen bis hin zu spiegelnder Oberfläche poliert ausformuliert.

Ein wichtiges Element eines solchen Gebäudes ist auch die Lichtplanung. Wie sehen hier Ihre Pläne aus?

Ein wesentlicher Punkt der Gestaltung des Gebäudes Puls G sowie der Zentralgarage ist die optimale Ausleuchtung und die szenische Betrachtung von wichtigen Architekturelementen. Im Detail heißt das, mit einem Lichtplaner das Thema LED-Technik mit der richtigen Lichtfarbe und extrem hell eingestellten Teilbereichen für die Fußgänger sowie herabgedimmten Bereichen für untergeordnete Wegbeziehungen zu entwickeln. Inwieweit sogar mit einem Farbspiel Akzente gesetzt werden können, muss gut überlegt werden. Wichtig bei der Lichtgestaltung sind im öffentlichen Raum die Gebäudekanten, die Unterstützung der aufgesetzten Deckenplatte, die vertieften Loggien und vor allem die gläserne Fuge in der Bel Etage.

Herr Kehrbaum, können Sie zum Abschluss noch Ihre Gedanken und Entwürfe zum Gebäude Puls G in einem Satz zusammenfassen?

Puls G wird seiner besonderen städtebaulichen Verantwortung in der ersten 1A-Lage von Geretsried über seine Kubatur, die Gestaltung und den Inhalt gerecht.